Ein Tag Deutschland
Ein Tag Deutschland ist ein ähnliches aber auch ein ganz anderes Projekt. Ähnlich deshalb, weil es auch hier um die Dokumentation des alltäglichen Lebens geht. Anders deshalb, weil hier 432 von den über 2000 bei Freelens organisierten Fotojournalsten ans Werk gingen, die ihren Lebensunterhalt mit der Fotografie verdienen. Die an anderen Tagen für ihre Auftraggeber losziehen und möglicherweise andere Themen anders fotografieren oder aber auch genaus so.
Im Vorwort von Christoph Schaden fällt der Begriff Anachronismus, mit dem, wie er schreibt, dieses Projekt abgetan werden könnte. Dabei ist es höchst zeitgemäß: Millionen von fotografierenden Laien dokumentieren täglich unser bzw. ihr Leben, zwar qualitativ umstritten, werden aber quantitativ Terrabyte an Daten angehäuft, die digitale Abbildungen des Gewöhnlichen sind.
Ein Tag Deutschland ist dagegen eine wahre Fundgrube. Die Themengebiete sind erwartungsgemäß vielschichtig: das Private taucht genauso auf, wie der berufliche Alltag. Kinder wie Greise, Kranke wie Gesunde. Es thematisiert Industrie, Handel, Landwirtschaft aber auch Arbeitslosigkeit und das, was wir im allgemeinen als Freizeit bezeichnen.
Man kann das Buch als eine Art fotografischen Atlas lesen, man kann wieder auftauchende rote Fäden verfolgen. Die Deutschlandfahne z.B., die immer mal wieder aber in neuem Kontext auftaucht. Ob als Bonbon in den Bildern von Michael Kottmeier oder als Produkt in den Bildern von Thies Rätzke. Das Auftaktspiel der Eishockey WM in Gelsenkirchen ist auch so ein roter Faden: Helge Krückeberg begleitet Fans auf dem Weg von Hamburg nach Gelsenkirchen und beobachtet das Spiel von den hinteren Rängen, Michael Kerstgens ist nah bei der Nationalmannschafft und Christian Irrgang ist mit dem Bundespräsidenten vor Ort. Drei Fotografen, drei Perspektiven des selben Ereignisses.
Farbfotografie taucht neben Schwarzweißbildern auf, Lomografie neben aufnahmen mit der Camera Obscura. Und natürlichen wären es keine Fotografen, wenn sie sich nicht selbst (-verliebt) zum Thema machen würden: Jürgen Escher besucht eine Ausstellung des Architekturfotografen Julius Shulman in Herford, Gerhard P. Müller zeigt uns seine Kollegen auf einem Fototermin mit Hannelore Kraft, Tim Gerdts portraitiert sich selbst im öffentlichen Nahverkehr und Rudolf Wichert spaziert mit ehemaligen Dortmunder Fotostudenten durch den Wald.
Alles in allem hat es Spaß gemacht, sich an diesem verregneten Sonntag mit dem 7. Mai 2010 zu beschäftigen. Man kann das Buch natürlich auch einfach nur als Katalog zur Ausstellung oder mit seinen detailierten Adressangaben als Nachschlagwerk für Fotojournalisten nutzen. Hier noch ein kleiner Einblick.